Meine Ideen für Blogbeiträge kommen mir meistens mit meinen Kindern inmitten einer Alltagssituation. So war es auch diesmal.

Letztens gab es einen Streit zwischen meiner ältesten Tochter und mir – sie ist 9 und kann schon richtig gut streiten und vertritt ihre Meinung sehr vehement. Gut so! Gleichzeitig ist das natürlich eine große Herausforderung – auch für mich als Streitexpertin. 😉

Bei diesem Streit kristallisierten sich die Themen Gerechtigkeit versus Gleichheit heraus – ich kenn das ja aus dem rechtlichen Kontext, insbesondere dem Gleichheitsgrundsatz und auch dort besteht ein Spannungsverhältnis zwischen diesen Begrifflichkeiten.

Was war passiert?

Es war ganz klassisch und zog sich den ganzen Tag hindurch. Zuerst nahm sich meine jüngere Tochter einen Smoothie und zwar ein großes Glas und meine ältere Tochter war furchtbar beleidigt, weil sie sich zu vor auch einen Smoothie genommen hatte, aber nur ein kleines Glas und das wäre furchtbar ungerecht. 

Später nahm sich meine jüngere Tochter ein Knäuel Wolle (was wir gerade basteln, liest du weiter unten) und meine ältere Tochter monierte, dass ihre Schwester die Wolle in exakt dieser Farbe bereits besitzen würde. Zwei gleiche Wollknäuel zu besitzen, wäre natürlich eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit. 

Zu Mittag aßen wir Nudeln und die Portionen waren natürlich ungerecht aufgeteilt. Das fand zumindest meine ältere Tochter.

Ihr seht schon es gibt ein Muster.

Das setzte sich so fort und irgendwann eskalierte es und wir stritten. Meine Tochter warf mir vor ungerecht zu sein und Partei zu ergreifen. Und ja: das traf mich. Sehr sogar.

Gerechtigkeit gehört zu meinen persönlichen Werten und ist mir wirklich wichtig. Wir stritten also hin und her und nachdem wir uns beruhigt hatten und uns ganz lange umarmt hatten, konnten wir darüber reden.

Ich habe mit ihr über den Gleichheitssatz, der in Österreich im Bundesverfassungsrang verankert ist, gesprochen. Es gab somit gleichzeitig ein bisschen demokratische Bildung bei uns zu Hause. Das ist mir sehr wichtig.

„Gleiches wird gleich, ungleiches wird ungleich behandelt.“

Und weil das für Kinder schwer zu verstehen ist – für viele Erwachsene übrigens auch, haben wir ein Beispiel gebraucht. Dieses Bild hat uns geholfen.

 

Copyright Craig Froehle

 

Gleichheit bedeutet nicht immer Gerechtigkeit. Gerechtigkeit bedeutet nicht immer Gleichheit.

 

Sehen wir uns das Bild doch mal etwas genauer an.

Zuerst stehen drei unterschiedlich große Menschen auf der gleich großen Kisten. Hier sehen sie nicht alle über den Zaun und doch werden sie gleich behandelt.

Am zweiten Bild werden die Kisten anders verteilt und plötzlich sehen alle über den Zaun. Das ist gerecht und doch werden sie ungleich behandelt.

Gar nicht so kompliziert oder?

Das lässt sich sehr gut und einfach auf Familien und Kinder übertragen.

Geschwister werden von ihren Eltern ungleich behandelt. So ist das wahrscheinlich täglich. Das resultiert zum großen Teil daraus, dass die einzelnen Kinder unterschiedliche Bedürfnisse haben. Abhängig vom Alter, der Tagesverfassung und der Situation braucht jedes Kind etwas anderes.

Ein Beispiel: Unterschiedliche Bedürfnisse beim Basteln

Wir basteln und wickeln “Das Auge Gottes” nach einer mexikanischen Wickeltechnick.

Meine älteste Tochter kann das alles selbstständig erledigen. Sie liest die Bastelanleitung, hantiert souverän, probiert verschiedene Varianten aus und braucht meine Hilfe nicht.

Meine jüngere Tochter kann vieles selbstständig und braucht ein wenig Hilfe. Ich lese mit ihr gemeinsam die Anleitung und achte darauf, wie sie den Faden führt und helfe ihr dabei die Wolle ausreichend zu spannen.

Mein Sohn braucht mehr Hilfe. Ich erkläre ihm was wir tun wollen und wir machen vieles gemeinsam. Ich halte die Stäbchen, mache den Anfang und er wickelt. Er braucht viel Anleitung und bald hat er kein Interesse mehr und entscheidet sich stattdessen lieber die Wolle in kleine Fadenstücke zu zerschneiden.

Eltern behandeln ihre Kinder ungleich. Das ist in Ordnung und sogar richtig und wichtig. Kinder sind Individuen mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Es ist sehr wichtig, dass Eltern sich dessen bewusst werden.

In meiner Arbeit mit Familien habe ich beobachtet, dass sich viele Eltern mit dieser Thematik stressen, denn sie wollen ihre Kinder gleich und gerecht behandeln. Doch das ist nicht immer möglich und vor allem nicht immer passend.

Wichtiger ist es, jedes einzelne Kind als Individuum mit eigenen Bedürfnissen wahrzunehmen. Manche Kinder brauchen beispielsweise mehr Kuscheleinheiten und andere brauchen mehr gemeinsame aktive Phasen. Beides ist in Ordnung und gut so wie es ist.

Geschwister als Gruppe und Kinder als Individuen

 Passend zu dieser Thematik ist auch das Phänomen, dass viele Eltern dazu tendieren ihre Kinder in einer Gruppe anzusprechen.

„Kinder was ist da passiert?“

„Mädels, jetzt reichts dann aber.“

“Jungs, was habt ihr angestellt?”

Machst du das auch? Das kann passend sein und dennoch besteht die Möglichkeit, dass das einzelne Kind in der Gruppe untergeht. Versuch doch, deine Kinder bewusst als Individuen wahrzunehmen und auch als solche anzusprechen. Auch hier geht es um das Spannungsfeld „Gleichheit und Gerechtigkeit“. Geschwister sind nicht gleich. Wenn wir sie jedoch ständig als Gruppe ansprechen, unterstützen wir den Eindruck sie wären es. Das kann das Bedürfnis der Kinder verstärken gesehen zu werden und um das zu erreichen, machen sie sich bemerkbar. Wir Erwachsene bemerken das oft erst in der Form von Geschwisterstreit oder anderem von uns unerwünschten Verhalten.

 Schau darauf,welche Bedürfnisse jedes deiner Kinder hat und geh auf jedes Kind ein. Damit beugst du auch Geschwisterstreit vor. Fühlt sich in einer Familie ein Kind gesehen, gehört und wahrgenommen ist das besonders wertvoll und stärkt das Kind in seinem Selbstbewusstsein.

Ein erster Schritt – fang morgen an

 Weil ich weiß, wie wichtig es ist, dass du sofort ins Tun kommen kannst, hier ein erster Trick, der  besonders schnell und leicht umzusetzen geht. Beginne gleich morgen Früh damit und nimm dir die Zeit, jedes deiner Kinder ganz bewusst im neuen Tag willkommen zu heißen.

Wahrscheinlich vermutest du es schon – auch hier hat jedes Kind unterschiedliche Bedürfnisse.

 Manche sind Lärchen und frühmorgens schon putzmunter.

Andere sind Eulen und müssen ganz behutsam im neuen Tag ankommen.

Das funktioniert übrigens auch mit PartnerInnen und allen anderen Haushaltsangehörigen inklusive dir selbst.

Nehmt euch die Zeit als Familie und überlegt, was jeder von euch frühmorgens braucht. Auch Kaffee ist hier eine passende Option, zumindest für Erwachsene.

Nachdem alle Familienmitglieder gut im Tag willkommen geheißen wurden, fällt es auch leichter die Frühstücksportionen aufzuteilen und sie müssen nicht aufs Gramm genau abgewogen werden.

 Buchtipps

Zum Schluss habe ich noch zwei Buchtipps für Eltern, die mit ihren Kindern gerne mehr über Demokratie, Gleichheit und Gerechtigkeit sprechen möchten.

Weltpolitik – Einfach verstehen passt gut für meine interessierte 9 – jährige. Sie liest immer wieder darin und es ist bunt und gut verständlich.

Aktuell warte ich sehnlichst auf das neue Kinderbuch von Juli Zeh. Es heißt “Eltern Vorlesebücher: Jetzt bestimme ich ich ich!“. Juli Zeh ist schon seit langem eine meiner absoluten Lieblingsautorinnen, deswegen bekommt sie da jetzt einfach mal einen Vertrauensvorschuss von mir.

Alle diese Bücher habe ich privat gekauft und ich empfehle sie gerne weiter, weil ich sie als wertvoll empfinde. Die Links führen euch zu einer österreichischen Buchhandlung. Es sind keine Affiliate Links. Ich unterstütze einfach gerne den österreichischen Buchhandel.

 

Und nicht vergessen: Wir sind eine Familie, wir sind nicht vor Gericht. Wir drücken manchmal alle Augen zu und lassen Fünfe gerade sein.

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Hallo, ich bin Julia, Expertin für achtsame Kommunikation in der Familie und einem bedürfnisorientierten Alltag voller Gelassenheit.

Als Mama von drei Kindern und mit der Erfahrung aus über 8 Jahren Elternbildungsarbeit liegen mir Familien mit Kindern und ihre Bedürfnisse besonders am Herzen. Kommunikation und die Macht der Sprache faszinieren mich und begleiten meinen beruflichen Alltag als Mediatorin. viele Mediationstechniken sind im Familienalltag besonders hilfreich und deswegen bin ich heute hier: ich will dich an meinem Wissen und meiner Erfahrung teil haben lassen.

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